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Warum schaut man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul?

Pferd, das das Maul aufreißt

Zehn freudestrahlende Gesichter blicken Sie erwartungsvoll an. Beschwingt öffnen Sie das verheißungsvolle Paket. Noch haben Sie den Kern des Geschenks nicht vom letzten Glitzerpapier entblättert, da steigt schon verhohlene Enttäuschung in Ihnen auf. Das Geschenk entspricht so ganz und gar nicht Ihrer Erwartung noch Ihrem Geschmack. Wie reagieren Sie?
Ziemlich sicher bedanken Sie sich (zumindest schätze ich meine Leserinnen und Leser als sehr höfliche Menschen ein). Nicht nur dass das Geschenk so gar nicht Ihren Erwartungen entspricht, nun müssen Sie auch noch Freude vortäuschen. Sie werden nicht nur enttäuscht, sondern auch noch zur (Not-)lüge gezwungen.

Doch warum bedankt man sich auch dann, wenn einem das Geschenk nicht gefällt? Immerhin hat der Schenker doch ein Recht darauf, ehrliche Rückmeldung zu erhalten. Und womöglich ist nun jedes Jahr zu Weihnachten mit einer weiteren Tasse aus der The-one-and-only-edgy-Grandma-Kollektion zu rechnen. Die orangenfarbene haben Sie ja schon.

Vermutlich halten Sie sich an das Sprichwort: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul (oder Englisch Don’t look a gift horse in the mouth). Wobei das den Trojanern doch recht gut bekommen wäre! Das Sprichwort führt sich jedoch nicht – wie Vom Pferd erzählen – auf den Zankapfel und der daraus entstehenden jahrelangen Belagerung Trojas durch Odysseus und seinen Mannen, die sich der List eines Holzpferdes bedienen, zurück; sondern auf den Markt mit echten, lebendigen Pferden. Um nämlich das Alter von Pferden einschätzen und somit die Aussage des Verkäufers prüfen zu können, das Pferd sei doch eigentlich noch ein Fohlen (es habe nur besonders gute Wachstumsgene), werfen Sie einen Blick ins Pferdemaul: Hier geben die Zähne des Vierbeiners verlässlich Auskunft über das Alter und den Zustand. Vom Mahlen des Hafers höchst abgestumpfte Backenzähne lassen auf ein recht altes Pferd schließen. Ihr Fohlen sollte also astreine Zähne aufweisen! Auch das Sprichwort Jemanden auf den Zahn fühlen leitet sich vom Akt des Klopfens auf Zähne ab, um Aussagen über den Gesundheitszustand treffen zu können. Wenn Sie jedoch ein Pferd geschenkt bekämen, sollten Sie die Überprüfung sein lassen. Man möchte ja nicht undankbar erscheinen.

Das Sprichwort waberte wohl schon in der Antike umher, schriftlich belegt ist es durch Hieronymus (347-419) in seinem Kommentar zum Epheserbrief des Paulus. Aus der trojanischen Sage hat man wohl nicht gelernt.

 

Bild: Mikael Kristenson auf unsplash.com.

Katharina Tuermer

Veröffentlicht von

Aufgewachsen in einer bayerischen Kleinstadt, in der (leider) wenig Bairisch gesprochen wird, nahe der Weißwursthauptstadt München entdeckte ich während meines Lehramtsstudiums die Linguistik für mich. Das Lehramtsstudium gibt es jetzt nicht mehr, die Linguistik ist geblieben. Im Sommer 2013 habe ich meinen Magister in der Linguistik, in DaF und der Lateinischen Philologie abgeschlossen und arbeite seither in der Onlinebranche. Der Blog und damit auch die Linguistik sollen bleiben. Weitere Infos über mich findet man auf Google+ und Twitter.

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