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Ghetto-Slang: Der Ethnolekt Türkendeutsch

Jugendlicher Skater im Ghetto

„Isch bin grad Leopoldstraße, Lan“, schreit Ali in der vollbesetzten U-Bahn in sein Smartphone. Mehrere Blicke richten sich auf den Deutschtürken – von gelangweilt über stirnrunzelnd bis schockiert ist alles dabei. Die Jüngeren schauen wahrscheinlich nur deswegen, weil seine tiefe Stimme alle Geräusche der quietschenden U-Bahn und der von der Enge und Hitze schnaubenden Insassen übertönt. Die Gesichter der übrigen Zuhörer lassen keine Langweile, sondern Irritation oder Abscheu vermuten. „Jetzt machen die auch noch unsere schöne deutsche Sprache kaputt“, raunt eine verhutzelte alte Frau in ihrem ausgebleichten Regencape zu ihrem noch verhutzelteren Gatten. Der schaut nur bedröppelt.

Was der Dame einen kalten Schauer über den Rücken laufen lässt, sehen einige Linguisten als Bereicherung und vor allem kreativen Umgang mit der Sprache an. In diesem Fall der Ethnolekt, dem Wissenschaftler bereits viele Namen gegeben haben: Ghetto-Slang, Türkenslang, Türkendeutsch oder Kiezdeutsch.

Was ist ein Ethnolekt? – Auf jeden Fall keine Standardbanane und kein DIN-Format!

Warum aber wird gerade dieser Ethnolekt, von dem Sie hier konkrete Beispiele finden, als besonders schlechter Stil des Deutschen aufgefasst? Hierzu muss man den Weg nachvollziehen, den dieser Ethnolekt gegangen ist und was ein Ethnolekt überhaupt ist. Der Linguist Prof. Dr. Auer schreibt, ein Ethnolekt sei ein Sprechstil, der mit nicht-deutschen ethnischen Sprechergruppen „assoziiert wird“. Das sei vor allem in der Grammatik präsent. Man beachte: Assoziiert, nicht unbedingt in jedem Fall von dieser nicht-deutschen ethnischen Gruppe „erfunden“, entwickelt oder geprägt. Türkenslang steht für Jugendsprache, Umgangssprache, Fremdwörtereinfluss, Minderheitensprache und Sprecher, die keine deutschen Wurzeln haben. Auch wenn Letzteres nicht unbedingt wahr ist, eckt Türkenslang durch diese Einflüsse gewaltig an. Denn diese fünf Sprachcharakteristika haben es schon isoliert in Deutschland unglaublich schwer. Hier tendiert man lieber zum Einheitsbrei, der standardisierten Banane und DIN-Format.

Prof. Dr. Auer differenziert zwischen verschiedenen Phasen des Ethnolekts. Ghettoslang wurde zunächst vor allem von männlichen Jugendlichen mit türkischen oder arabischen Wurzeln in den Großstadt-Ghettos gesprochen, aber auch deutsche Jugendliche sind Träger dieses Slangs. Dadurch, dass die Sprachvariation in den Ghettos entstand, assoziieren Kritiker mit der Sprache ein Bild von Gewalt und mangelnder Sprachbeherrschung. Der primäre bzw. originäre Ethnolekt hat meist nur rudimentär mit dem von den Medien geprägten und stilisierten Ethnolekt zu tun, wie es beispielsweise Mundstuhl oder Erkan & Stefan zelebrieren. Die Brandmarkung durch unreflektiertes Schubladendenken, Migrantenkinder der zweiten Generation seien unfähiger und gewalttätiger, hat auch deren Sprachvariation Ghettoslang geerbt. Wer meint, die Jugendlichen könnten kein „saubereres“ Deutsch, der irrt. Sie wechseln durchaus ins Hochdeutsche, je nachdem mit wem sie Konversation führen. Es handelt sich also nicht um eine Lernersprache, eine Pidgin-Form oder Fossilisierung, sondern Türkenslang wird selektiv und situationspezifisch verwendet. Und zwar vor allem dann, wenn man unter sich ist. Während die erste Generation der Gastarbeiter Deutsch mühsam erlernen musste, denn es war für sie eine Fremdsprache, wuchs die zweite Generation u.a. mit Deutsch als Muttersprache auf. Und diese folgenden Generationen sind die Innovatoren von Türkenslang.

“From the streets to the screens and back again”

Auers Slogan verdeutlicht den Weg des Ethnolekts Ghetto-Slang: Die natürliche Entstehung von Türkenslang auf den Straßen bzw. in den Ghettos, der später von den Medien aufgegriffen, usurpiert und stilisiert wurde. Die Komiker Erkan & Stefan oder auch Mundstuhl griffen einige Merkmale heraus – und erfanden neue dazu – und übertrieben zum Zwecke des Witzes maßlos. Optische Klischees nicht ausgenommen. Diese  Sprachimitation und -übertreibung des Ethnolekts bezeichnet der Linguistikprofessor als sekundären Ethnolekt. Der tertiäre Ethnolekt entwickle sich, wenn Jugendliche diesen Slang – angeheizt durch die Medien – zitieren und dementsprechend weiterentwickeln. Dabei wird aber meist stereotypisiert und diskriminiert. Man äfft nach. Doch ein Ethnolekt kann auch de-ethnisiert werden. Dann zum Beispiel, wenn deutschsprachige Jugendliche den Ethnolekt in ihre normale Umgangssprache übernehmen – unabhängig von Geschlecht, Schulerfolg oder Herkunft. Diese Identifikation und keineswegs Stilisierung führt zur De-Ethnisierung. Der Ethnolekt wird ein Soziolekt des Deutschen. Hat Türkendeutsch unsere Standardsprache dadurch verdorben?

Zaimoglus Kanak Sprak

Ausgangspunkt für Untersuchungen von Türkenslang bildete Feridun Zaimoglus Buch Kanak Sprak: 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft, in dem er junge Männer türkischer Abstammung mit geringer Bildung zu Wort kommen lässt. Meinte man zunächst, es handele sich tatsächlich um Zitate, stellte sich dies später anders da:

„In ‚Kanak Sprak‘ habe ich echte Figuren in die Fiktion überführt und sie als Ich-Erzähler sprechen lassen. Dieser Akt ist eine Verletzung des Gewebes, eine vorsätzliche Entstellung, ein schwerer Eingriff, der mit der künstlerischen Freiheit entschuldigt wird“,

schreibt Zaimoglu. Egal, ob echt oder nicht, der Roman brachte den Stein ins Rollen: Türkenslang gewann Beachtung und somit auch wissenschaftliche Beobachtung. Doch ist der Ethnolekt, den Zaimoglu darstellt, vielmehr eine nicht ausgereifte Lernersprache, und somit eine Pidginsprache. Türkenslang jedoch greift viel weiter, denn während Gastarbeiterdeutsch nur diese Sprachvariante kennt, beherrschen Sprecher von Türkenslang auch Standarddeutsch. Und es kann noch viel mehr. Uns nämlich die zukünftige Sprachentwicklung aufzeigen.

Ghetto-Slang als Wahrsagerkugel?

Heike Wiese, die sich eingehend mit Kiezdeutsch beschäftigt hat, hält den Slang bzw. – in ihren Worten – Dialekt für innovativ. Und damit stößt die Professorin für Deutsche Sprache der Gegenwart an der Universität Potsdam auf viel Kritik. Nicht verwunderlich, meint sie in einem Interview vom 8. Februar 2012 mit der Süddeutschen Zeitung, es sei

„soziolinguistisch bekannt, auch aus anderen Ländern: Alles, was nicht Standard ist, wird als falsch wahrgenommen, und nicht als alternative Möglichkeit, Deutsch, Französisch oder Englisch zu sprechen.“

Sie geht noch einen Schritt weiter und meint, beim Kiezdeutsch wirken stärkere Kräfte als in anderen Dialekten, sie spricht vom „Turbo-Dialekt“ begünstigt von mehrsprachigen Sprechern, die sprachliche Variation nicht scheuen. Und dennoch bleibt Kiezdeutsch im deutschen System verankert. Kiezdeutsch kann also durchaus Phänomene, die im Deutschen irgendwann ganz natürlich erscheinen werden, bereits vorher aufzeigen, ohne dass Kiezdeutsch den ersten Stein gesetzt hätte. D.h. der Ghetto-Slang verdirbt nicht unser standardisiertes Hochdeutsch, sondern zeigt bereits vorhandene standardsprachliche Abweichungen in gehäufter und extremer Form auf, die es so bereits auch ohne Kiezdeutsch gegeben hat.

Sind wir nicht alle ein bisschen kiezdeutsch?

Andere Szene im Bus 53 kurz vor der Haltestelle Münchner Freiheit. Mein Handy klingelt, am Telefon eine Freundin. Sie will wissen, wann ich denn endlich in der Bar Waldfee sei. Kein Wunder, habe ich es glorreich geschafft, 20 Minuten später als geplant, das Haus zu verlassen. Und sie somit alleine in der Bar warten lassen. Während ich ihr antworten muss, kommt der Bus zum Stehen, die Türen öffnen sich und der Bus spuckt all seine Fahrgäste in einem Schwall aus: „Endstation, bitte alle aussteigen!“, grummelt der müde dreinblickende Busfahrer ins Mikro mehr zu sich selbst als zu uns. Koordination mag leicht erscheinen, nicht aber wenn ich in Eile bin. Dann scheint das Handy eine außergewöhnliche Anziehung zur Erde zu haben und entwickelt eine ungewöhnlich rutschige Oberfläche. Ich rufe hastig in mein Handy, das sich gefährlich nahe dem Abgrund meiner Handflächen nähert: „ Gleich da, bin grad Münchner Freiheit! Bis gleich!“, und lege schnell auf. Sie mögen meinen, ich hätte von meiner Freundin einen Rüffel bekommen. Nein, es fiel ihr gar nicht auf. Ob die alte Dame in ihrem Regencape mir auch so einen despektierlichen Blick zugeworfen hätte?
Was ihr einen kalten Schauer über den Rücken laufen ließ, ist heute schon Teil der Umgangssprache und keineswegs ein isoliertes Phänomen von Nichtmuttersprachlern. Und auch das begrüßen viele Linguisten. Denn erfolgreicher Sprachwandel sei es, wenn die nächste Generation innovative Strukturen als „normal“ übernimmt.

 

Lesen Sie hier mehr über die Grammatik von Kiezdeutsch bzw. Türkenslang: Lassma was über Kiezdeutsch schreiben. Musstu dann aber auch lesen!

 

Titelbild: Unsplash.com/By Victor Erixon.

Katharina Tuermer

Veröffentlicht von

Aufgewachsen in einer bayerischen Kleinstadt, in der (leider) wenig Bairisch gesprochen wird, nahe der Weißwursthauptstadt München entdeckte ich während meines Lehramtsstudiums die Linguistik für mich. Das Lehramtsstudium gibt es jetzt nicht mehr, die Linguistik ist geblieben. Im Sommer 2013 habe ich meinen Magister in der Linguistik, in DaF und der Lateinischen Philologie abgeschlossen und arbeite seither in der Onlinebranche. Der Blog und damit auch die Linguistik sollen bleiben. Weitere Infos über mich findet man auf Google+ und Twitter.

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