Artikel
0 Kommentare

Warum wünscht man sich einen guten Rutsch?

Uhr, die zwanzig vor Zwölf anzeigt

Was liegt näher, als in einem Artikel über den Neujahrswunsch eine Einleitung über das Ausrutschen im Schnee zu schreiben? Nichts. Und genau deshalb habe ich mich arg zusammengerissen, damit genau das hier nicht steht. Das war mein erster Vorsatz. Mein zweiter Vorsatz war, diesen Text ganz kurz zu halten. Das war gegen 20 Uhr. Kurz vor Mitternacht war mir klar, dass ich diesen Vorsatz auf gar keinen Fall einhalten kann. Eigentlich wollte ich nur mal schnell die Herkunft der Neujahrsgrußformel Guten Rutsch nachschlagen und schon befand ich mich im Dickicht widersprüchlicher Behauptungen. Was einzig fehlte: Verlässliche Sekundärliteratur. Und eines vorweg: Die habe ich nur mit Mühe gefunden.

These 1: Jiddische Wurzeln

Eine weit verbreitete Erklärung beruht darauf, dass Rutsch sich vom hebräischen Rosch ha-Schana ableitet. Das jüdische Neujahrsfest wird jedes Jahr am ersten und zweiten Tischri abgehalten. Im Gegensatz zu Silvester wird es jedoch nicht im Dezember, sondern im Herbst gefeiert (der Monat Tischri (tašrītu = „Anfang“) errechnet sich nach Mondjahren). Weil das Fest wörtlich übersetzt ‚Kopf des Jahres‘ heißt, wünschte man sich a git Rosch, einen guten Kopf bzw. Anfang (bzw. rotwelsch rosch = ‚Anfang‘). Was jedoch nicht belegt ist.

Aus diesem Glückwunsch soll sich der gute Rutsch entwickelt haben. Das behaupten zumindest u. a. Bastian Sick in einer seiner Zwiebelfischkolumnen, Heike Olschansky (Täuschende Wörter. Kleines Lexikon der Volksetymologien. Reclam 2004) und Christoph Gutknecht (Lauter böhmische Dörfer. Wie die Wörter zu ihrer Bedeutung kamen, S. 116. München 1995). Sick gibt nicht an, woher ihm dieses Wissen zugeflogen ist, Olschansky stützt sich auf Gutknecht, Gutknecht stützt sich wiederum auf nichts (er gibt zwar eine Quelle an, die besagt jedoch nur, dass einige jiddische Wörter in die deutsche Alltagssprache eingeflossen sind, die Silvestergrußformel erwähnt die Quelle nicht). Zudem bedenken alle drei Quellen Folgendes nicht: „Das in Deutschland gebräuchliche Westjiddische kannte das jüdische Neujahrsfest im Gegensatz zum hochsprachlichen sefardischen »Rosch Haschana« als »Rausch haschono/-ne« oder als »Rauschaschone/- Rauschscheschone“ (Quelle). Bei Sick und Co. ist aber nur die Sprache von Rosch und nicht von Rausch. Die lautlichen Ungereimtheiten bei der Übertragung ließen sich jedoch dadurch erklären, dass das Jiddische Rosch/Rausch nicht direkt, sondern durch einen Umweg übers Rotwelsche („Gaunerjargon“) ins Deutsche übertragen worden sein könnte (Quelle).

Gegen diese These spricht allerdings, dass eine Grußformel a git Rosch o. ä. zum Rosch ha-Schana nicht belegt ist. Geläufig sind tatsächlich andere Grußformeln. Und auch das Fest Rosch ha-Schana wurde nicht in die deutsche Alltagssprache aufgenommen (Quelle). Somit hätte auch keine Übertragung von git Rosch auf guter Rutsch stattfinden können. Auch eine zeitliche Parallele der Feste fehlt. Das mag kein Argument dagegen sein, aber warum soll sich einer bemüßigt fühlen, im Dezember Grußformeln aus dem September hervorzuholen.

These 2: Persische Wurzeln

Eine weitere Annahme besagt, dass die Grußformel sich vom persischen Nou Ruz (=neuer Tag) ableitet. Im iranischen Kulturraum wird am 20. oder 21. März das Neujahrsfest Nouruz begangen. Belegt ist, dass ruz sich aus dem ur-indoeuropäischen *Leuk- entwickelt hat, worauf u. a. auch das deutsche Wort Licht und das lateinische lux zurückgehen (Quelle). Nicht bewiesen ist jedoch, dass der gute Rutsch sich auch darauf zurückführen ließe.

These 3: Eine gute Reise

Die letzte Erklärung für die Grußformel ist, dass Rutsch neben der gängigen Bedeutung früher auch ‚Reise‘ meinen konnte. So ist etwa im DUDEN Herkunftswörterbuch nachzulesen, dass Rutsch nicht nur ‚Gleiten‘ und ‚Sturz‘ bedeuten konnte, sondern ebenso ‚kleine Reise‘; auch im „Deutsches Wörterbuch der Gebrüder Grimm ist nachzulesen, dass Rutsch „in derber Übertragung für Reise“ stehen kann. Es gab sogar die Grußformel Glücklichen Rutsch, wenn jemandem eine gute Reise gewünscht wurde (z. B. in Karl Friedrich Wilhelm Wanders Sprichwörterlexikon von 1867 (Band 4), weitere Qellen dafür hier).

Dr. Bopp spricht sich zwar nicht allein für diese Variante aus, lässt aber folgendes Argument für diese These fallen: „Auf jeden Fall sagt man Rutsch ins neue Jahr, wie es zu Rutsch und Reise passt und nicht etwas [sic!] Rutsch im neuen Jahr, wie es bei der Bedeutung Anfang lauten müsste“. Auch die im südlichen Sprachraum vorkommende Variation rutsch gut (r)über(e) spricht eher für die Reise- als die Anfangsanalogie: „zugrunde liegt die Vorstellung des langsamen, fast unmerklichen Hinübergleitens (seit 1900)“ (Lutz Röhrich: „Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten“). Und wer erinnert sich noch an das Kinderlied „Ri, Ra, Rutsch – wir fahren mit der Kutsch“?

Im südlichen Sprachraum ist die Grußformel ein guter Rutsch übrigens eine eher moderne Erscheinung (Quelle), in anderen Gebieten ist sie schon seit 1900 belegt, und zwar in Sachsen, Thüringen und Berlin (Heinz Küpper: „Wörterbuch der deutschen Umgangssprache“, Stuttgart 1997, Seite 684).

Sicher kann ich Ihnen also nicht sagen, woher der Gruß kommt. Aber wie schön, dass doch alle drei Thesen stimmen könnten. In diesem Sinne wünscht Sprachschach ein gutes Dahingleiten ins neue Jahr und natürlich einen gebührlichen Jahresstart!

Sie sehen, meinem zweiten Vorsatz für diesen Text bin ich so ganz und gar nicht treu geblieben. Und ich weiß, dass ich ihn durchaus hätte kürzen können. Aber ich wollte einem jeden ersparen, was ich mir den ganzen Abend lang angetan habe: Mehrere Stunden sinnlose Artikel zu lesen, die zwar etwas ganz gesichert behaupten, aber stets ohne Quellen. Und damit Sie nicht ganz enttäuscht sind, gebe ich Ihnen noch kurz und knapp Angeberwissen für den Silvesterabend an die Hand:

Prosit Neujahr

Prosit stammt vom lateinischen prodesse ab (dabei handelt es sich um die 3. Person Singular Aktiv im Konjunktiv) und heißt so viel wie ‚es möge gelingen‘, ‚es möge nützlich sein‘. Das ebenso geläufige Prost ist eine Verkürzung von Prosit. Na dann, Masel tov!

Masel tov

Diese Grußformel stammt gesichert aus dem Jiddischen bzw. Hebräischen. Masal ist hebräisch ‚der Stern, das Glück‘ (wörtlich übersetzt: ‚Ein Tropfen von oben‘), tov bedeutet ‚gut‘. In freier Übersetzung meint Masel tov nichts anderes als ‚Viel Glück‘! (Vgl. auch Schlamassel oder vermasseln).

Zu guter Letzt möchte ich Ihnen nicht vorenthalten, wie der Ausdruck auch in der Umgangssprache weiterlebt (und das sogar übers ganze Jahr). Aber Vorsicht – nicht jugendfrei: Was manch anderer meint, wenn er einen guten Rutsch wünscht!

Lesen Sie hier mehr von Sprachschach: Meine kleine bayerische Sprachbiographie in Schimpfwörtern

Bild: Gratisography.com

Katharina Tuermer

Veröffentlicht von

Aufgewachsen in einer bayerischen Kleinstadt, in der (leider) wenig Bairisch gesprochen wird, nahe der Weißwursthauptstadt München entdeckte ich während meines Lehramtsstudiums die Linguistik für mich. Das Lehramtsstudium gibt es jetzt nicht mehr, die Linguistik ist geblieben. Im Sommer 2013 habe ich meinen Magister in der Linguistik, in DaF und der Lateinischen Philologie abgeschlossen und arbeite seither in der Onlinebranche. Der Blog und damit auch die Linguistik sollen bleiben. Weitere Infos über mich findet man auf Google+ und Twitter.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.