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Nationale Stereotypen: Warum Franzosen „deutsche Zänkerei“ suchen

Zänkerei/Streit

Sind die Deutschen ein besonders streitsüchtiges Völkchen? In den Augen unserer französischen Nachbarn anscheinend schon. Hier sind stereotype Vorstellungen tief in der Sprache verankert. Während man bei uns in Deutschland „einen Streit vom Zaun bricht“, sucht man in Frankreich laut einer Redensart eine „querelle d’allemand“, was wörtlich mit „deutscher Streit“ oder „deutsche Zänkerei“ übersetzt werden kann. Aber wieso müssen ausgerechnet die Deutschen für diesen abschätzigen Ausdruck herhalten? Sprachschach begibt sich auf Spurensuche.

Bevor die Herkunft der Redewendung geklärt wird, sollte zunächst klar sein, was der Franzose denn eigentlich meint, wenn er von der „deutschen Zänkerei“ spricht. Sehen wir uns also zunächst einmal die Definitionen von „querelle d’allemand“ im Französischen an:

  • Expressio.fr: „Une querelle sans sujet sérieux, pour des raisons futiles“.
    Deutsch: Ein Streit ohne ernsthaftes Thema, aus nichtigen Gründen.
  • Larousse.fr: „Mauvaise querelle, querelle faite de mauvaise foi“.
    Deutsch: Übler Streit, Streit aus Böswilligkeit.
  • Dictionnaire de l’Académie française, 8ème édition: „Querelle de mauvaise foi“.
    Deutsch: Böswilliger Streit.
  • La-conjugaison.nouvelobs.com: „Argutie, Discussion sur des points mineurs“.
    Deutsch: Haarspaltereien, Debatten über zweit- und drittrangige Themen.
  • CNRTL.fr: „Engager avec quelqu’un une querelle sans raison valable“.
    Deutsch: Streit ohne echten Grund.
  • Alyon.asso.fr: „Dispute sans cause sérieuse, avec une certaine mauvaise foi, pour le goût de la chamaillerie“.
    Deutsch: Streit ohne ernsthaften Grund, mit einem gewissen Böswillen, aus einer Vorliebe für Zänkerei.

Und wie übersetzen deutsche Wörterbücher den Ausdruck „querelle d’Allemand“? Leo.org versteht darunter einen „Streit um des Kaisers Bart“. Im „Dictionnaire des gallicismes, proverbes et locutions familières de la langue française à l’usage des Allemands“ von 1845 wird die Wendung mit „Streit ohne Ursache mit einem anfangen“ übersetzt. Und für Jean-Baptiste Joly ist es in einem Artikel für die Wochenzeitung „Kontext“ ein „nicht enden wollender Streit, dessen Argumente ins Absurde geraten.“

„Es ist bekannt, dass die Deutschen exzessive Trinker sind“

Aber zurück zu der Frage, wieso man in Frankreich böswilligen Streit ohne ernsthaften Grund mit Deutschen in Verbindung bringt? Die Spurensuche beginnt bereits im Mittelalter. Der Sprachwissenschaftler Helmut Glück schreibt in dem Buch „Die Volkssprachen als Lerngegenstand im Mittelalter und der frühen Neuzeit“: „Die Deutschen hatten ebenfalls einen schlechten Ruf, sie galten als streitsüchtig und versoffen.“ Ins gleiche Horn stößt Claude de Méry in der 1829 veröffentlichten „Histoire générale des proverbes, adages des peuples anciens et modernes, sentences, apophthegmes“: „Es ist bekannt, dass die Deutschen exzessive Trinker sind. (…) Die Trunkenheit zieht üblicherweise Streitigkeiten nach sich und man weiß auch, dass diese auf Äußerungen von Betrunkenen beruhen und diese weder Ursache noch Anlass haben.“ Auch an den Universitäten soll es damals feucht-fröhlich zugegangen sein.

Dieser schlechte Ruf der Deutschen, die ständig mit dem Nachbarn Frankreich in Konflikten und kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt waren, hat sich bis in die Gegenwart fortgesetzt. Auch in den Asterix-Comics kommt der Teutone schlecht weg. So stellt ein gewisser Chevrel in seinem Blog fest: „Les Allemands barbares dans l’âme et dans la tenue, portent comme unique vêtement un pagne en peaux de bête, de plus ils sont dessinés le crâne rasé.“ – „Die von ihrem Wesen und ihrer Kleidung unzivilisierten Deutschen tragen als einziges Kleidungsstück einen Lendenschurz aus Tierfell, zudem sind sie mit kahlgeschorenem Kopf gezeichnet.“ Und die Welt stellte kürzlich fest, dass in Frankreich die Aversion gegen die Sturheit der Deutschen und ihr zunehmend forsches Auftreten in der EU längst parteiübergreifender Konsens sei – und das von links bis ganz rechts.

Sind die Deutschen etwa vollkommen schuldlos?

Ganz allgemein versammeln sich unter dem Stichwort „deutsch“ im Französischen wenig schmeichelhafte, negative Vorstellungen wie Zuzana Široká in ihrer Diplomarbeit „Völker der Welt in der deutschen und tschechischen Phraseologie – eine vergleichende Analyse“ schreibt. Wenn ein Franzose einst nur „Bahnhof verstand“, drückte er das im 19. Jahrhundert wie folgt aus: „C’est de l’Allemand“, „C’est du haut Allemand pour moi“ – „Das ist deutsch für mich.“

Eine weitere, oft vorgetragene Erklärung zum Ursprung der Redewendung: Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation (962 – 1869) bestand  aus zahlreichen Kleinstaaten, deren Fürsten fortwährend einen Vorwand suchten, bei ihren Nachbarn einzufallen, um so ihren Einflussbereich und ihre Macht zu vergrößern. Insa Bethke schreibt hierzu in der GEO EPOCHE über Karl den Großen: „Nach 1400 weiten sich die Scharmützel mancherorts zu regionalen Kriegen aus, die vor allem den Westen der deutschen Lande verheeren. Dort arrondieren Reichsfürsten wie der Pfalzgraf bei Rhein unbehelligt ihre Territorien, rauben schwächeren Adeligen Burgen, Rechte und Ländereien.“

Die Mentalität der Deutschen, alle Lebensumstände zu verrechtlichen und selbst bei Banalitäten zu prozessieren ist auch eine Folge der jahrhundertelangen Erfahrung mit der deutschen Reichsjustiz.

Last but not least: Sind die Deutschen an diesem Ausdruck unter Umständen vollkommen schuldlos, da er in Wahrheit auf eine Familie namens „Alleman“ anspielt, die im 13./14. Jahrhundert in der Grafschaft Dauphiné, einer heutigen Landschaft im Südosten Frankreichs, lebte und als äußerst zank- und rachsüchtig galt. Diese Herkunft legt Antoine Bachelin-Deflorenne in seinem Adelswörterbuch aus dem Jahr 1868 jedenfalls nahe.

In den „Curiosités“, einem Wörterbuch französischer Redewendungen, des französischen Linguisten Antoine Oudin, ist auch von einer „querelle d’alleman“ (ohne abschließendes „d“) zu lesen. Ludwig Herrig und Heinrich Viehoff erinnern 1868 an diesen französischen Ursprung des Ausdrucks, der aber von den Franzosen geflissentlich ignoriert wurde. „Der Franzose liebt es nun eben, diese Redensart, die in seinem Lande so sehr im Schwang ist, auf seine Art und manchmal mit besonderem Nachdruck zu nehmen und schreibt und denkt, nach wie vor, querelle d’allemand.“

Am Ende des 16. Jahrhunderts taucht der Ausdruck „querelle d’Allemaigne“ auf, was beweist, dass spätestens ab diesem Zeitpunkt mit „allemand“ das deutsche Volk gemeint war.

Aus solchen überlieferten sprachlichen Vorstellungen speist sich der laut Ex-Präsidentenberater Alain Minc in Frankreich immer noch vorhandene „Anti-Germanismus“ („Vive l’Allemagne!: Was Deutschland alles richtig macht – und was nicht.“). 1995 merkte der Politologe und Frankreich-Kenner Alfred Grosser kritisch an, dass französische Gymnasiasten ein negatives Deutschlandbild vermittelt bekämen. Als ich 2005 in Paris ein Praktikum in einem Start-up absolvierte und im Gespräch mit meinem Chef, einem Franzosen, die Sprache auf meine Herkunft kam, fuhr dieser gleich grinsend schweres Geschütz auf: „Ah, Panzer“. Zwar gibt es heute zwischen Deutschen und Franzosen keine Kriege mehr, dafür aber reichlich „Streit um des Kaisers Bart“.

Das Drama von nationalen Stereotypen ist, dass sie auch das geschäftliche Miteinander vergiften können, wie Jochen Peter Breuer und Pierre de Bartha betonen. So hätten viele französische Manager bei Verhandlungen Angst, von ihrem deutschen Gegenüber „überrollt“ zu werden. Das Misstrauen wird im sozialen Miteinander laut Niklas Luhmann unabweichlich bestätigt und verstärkt – mit den entsprechenden unguten Auswirkungen. Wieviele Projekte in der deutsch-französischen Zusammenarbeit sind wohl an diesen Vorurteil-Barrieren bereits gescheitert?

Glücklicherweise sind Redensarten dieser Art aus dem Sprachgebrauch der jungen Generation weitgehend verschwunden.

Welche Redewendungen, die nationale Vorurteile widerspiegeln, fallen euch spontan ein?

Lust auf weitere französische Redewendungen? Dann lassen Sie sich doch mal von der „Versuchung von Venedig“ packen. Was damit gemeint ist, erfahren Sie auf den Seiten des „Frankreich Fan“.

Bild oben: Gratisography.com


 

Martin Stäbe

Veröffentlicht von

Auch wenn während des Studiums Zahlen im Mittelpunkt standen, gilt meine Leidenschaft neben der französischen auch der deutschen Sprache - vor allem in gedruckter Form. Ob als freier Journalist für die Zeitung meiner Heimatstadt Augsburg, als langjähriger Spielberichterstatter für den dortigen Bundesliga-Klub oder als Autor eines französischen Jugendmagazins: In meiner Freizeit drehte und dreht sich viel um das Thema Schreiben. Auch beruflich habe ich als Content Manager mit Texten zu tun, und zwar überwiegend mit Webtexten für Online-Shops. Schach kann ich zwar nicht spielen, dafür spiele ich umso lieber mit Sprache. Sprachschach bietet mir eine wunderbare Möglichkeit, mich in Sachen Rechtschreibung, Grammatik & Co. einmal so richtig auszutoben.Hier geht's zu meinem Xing- und Google+-Profil!

5 Kommentare

  1. Wunderbar! Für mich und das Sprachperlenspiel natürlich ein ganz besonders interessantes Thema 🙂 Es gibt da unendlich viele großartige Redewendungen. „Das kommt mir spanisch vor“, „leben wie Gott in Frankreich“ oder „die feine englische Art“ fallen mir immer als erstes ein. Und eine polnische Wendung, die ich als Österreicherin auch sehr gut finde: „österreichisches Gerede“ („austriackie gadanie“) – davon wird im Polnischen gesprochen, wenn jemand etwas absolut Unsinniges von sich gibt 🙂

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    • Martin Stäbe

      Ich finde es toll, dass Sie mit dem Sprachperlenspiel Redewendungen auf den Grund gehen und so wichtige Aufklärungsarbeit leisten. Da merkt man dann oft erst, dass in manchen Sprachen solche Wendungen geschaffen wurden, um andere Nationen in ein schlechtes Licht zu rücken. Beispiel „polnischer Abgang“ im Deutschen. Mehr dazu hier: http://www.zeit.de/zeit-magazin/2014/46/redewendungen-polnischer-abgang-abschied.

      Wie kam’s denn zu dem „österreichische Gerede“? Gibt’s da auch eine „Erklärung“? Haben die Polen mit Österreichern an einem gewissen Punkt in der Geschichte keine gute Erfahrung gemacht?

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  2. Pingback: Typisch deutsch? 9 Behauptungen auf dem Prüfstand

  3. Der Engländer sagt für Kondom: ‚French letter‘
    Der Franzose sagt für Kondom: ‚Capotte anglaise‘
    Der Deutsche sagt für Kondom: ‚Pariser‘

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  4. Auf Türkisch gibt es den Ausdruck „bezahlen auf Deutsche Art“ (Alman usulü ödemek). Damit ist gemeint ist, dass im Restaurant bei einem gemeinsamen Essen der Rechnungsbetrag nicht einfach durch die Anzahl der „Mitesser“ geteilt wird, sondern jeder das bezahlt, was er gegessen und getrunken hat.

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